Ackerbürger

Wimpfen im 18. Jahrhundert


Chelidonium majus
Chelidonium majus

Mitte des 17. Jahrhunderts: Die Schlachten des Dreißigjährigen Krieges waren vorüber, Deutschland litt unter den Folgen. Die so arg dezimierte Bürgerschaft unseres Reichsstädchens Wimpfen ging daran, sich die Mittel für die Wiedererrichtung der zerschossenen Mauern zu beschaffen. Deutschlandweit, besonders in größeren Reichsstädten wie Nürnberg und Regensburg, aber auch an Fürstenhöfen und sogar in der Schweiz, in den Niederlanden und in Dänemark waren die bettelnden Sammler der Stadt unterwegs. Das Nürnberger Türmchen erinnert noch heute an diese Zeit. Dankbarkeit? Oder war doch die Hilfe aus Nürnberg so enttäuschend klein wie dieser zierliche Maueraufsatz?

Unsere Wimpfener waren gut beraten, ihre Mauern wieder in Stand zu setzen, denn Frieden gab es selten in den folgenden Zeiten in Europa. Deutschland war zersplittert in eine Vielzahl kleiner Territorien mit je eigenem, recht unbedeutendem Fürsten. Nur im Nordosten kündigte sich mit Brandenburg-Preußen eine kommende Großmacht an. Vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation blieben dem Kaiser de facto nur seine habsburgisch-österreichischen Länder. Das formal noch bestehende deutsche Reich war jedoch eine bedeutungslose, leere Hülle geworden.

Der seit über hundert Jahren andauernde Konflikt zwischen Frankreich und den Habsburgern in Österreich und Spanien wurde weiter ausgetragen in einer Reihe von Kriegen mit einer verwirrenden Folge wechselnder Koalitionen. Gekämpft wurde um die Niederlande, um die Thronfolge in Spanien und in Polen, um Elsass und Lothringen, um die Pfalz und um Schlesien. Alles in allem agierte Frankreich am erfolgreichsten und ging weiter gestärkt aus den Streitigkeiten hervor. Der Glanz seines König Ludwig XIV. – le Roi Soleil – überstrahlte die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts bis ins 18. Jahrhundert hinein. Seine Nachfolger waren das führende Fürstenhaus in Europa.

Alles drehte sich jetzt um Frankreich, fast überall strebten die Herrscher nach dem in Frankreich modellhaft verwirklichten absolutistischen Staat. Französich wurde Weltsprache, Umgangssprache auch an deutschen Fürstenhöfen. Der Adel pflegte französische Lebensart, so gut man es denn konnte, und entfernte sich damit noch mehr von seiner einfachen deutschen Bevölkerung. Die Fürsten der westlichen Teile des Reiches ordneten sich in Verträgen mehr oder weniger der französischen Vorherrschaft unter. Im Osten stärkten sie ihre Macht durch Erwerb großer Gebiete, die nicht zum Reich gehörten. Den Begiff "Deutschland" in dieser Epoche anzuwenden, erscheint ganz sinnlos, denn überall verschwammen die früheren Grenzen des Reichs durch zahlreiche grenzüberschreitende staatsrechtliche und dynastische Verbindungen. Frankreich nutze jeden Hauch eines Anspruchs, um sich ehemalige Reichsterritorien einzuverleiben. Viele Fürsten sahen in dem französischen König auch ein willkommenes Gegengewicht zu den Habsburgern.

Das 18. Jahrhundert war die Zeit der sogenannten Kabinettkriege. Hier entstand die Idee von begrenzeten und zielgerichteten Kriegen als Mittel der Politik. Sie hatten nicht mehr die zügellose Wildheit des Dreißigjährigen Krieges. Man führte Krieg mit wohlberechnetem Aufwand und in kühl kalkulierten Koalitionen. In diese Zeit fiel auch die Etablierung der Kolonialreiche. Europäische Kriege griffen so gelegentlich auch auf ferne Gebiete der Welt über.

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Wimpfen spielte in allen diesen Kriegen keine Rolle. Die Wogen der Schlachten zogen an seinen Mauern vorbei. Was uns überliefert ist, sind endlose Listen von Kriegslasten, die durch vorüberziehende Heere entstanden: Bereitstellung von Quartier, erzwungene Geldzahlungen in die Kriegskassen (Kontributionen), Stellung von Soldaten für das kaiserliche Heer (Kontingente), Mithilfe bei Festungsbauarbeiten in anderen Städten, z.B. Mannheim und Philippsburg, Beherbergung von Kriegsgefangenen und so weiter.

Alle diese Lasten hatten andere Städte in gleicher Weise zu tragen. Sinsheim z.B. wurde von den Franzosen 1674 schwer geplündert und 1689 gar völlig zerstört. Trotzdem erholte sich diese Stadt so schnell, dass schon ab Mitte des 18. Jahrhunderts von einem gewissen Wohlstand gesprochen werden kann.

Von Wimpfen wird jedoch berichtet, dass es immer tiefer sank, ja dass es schließlich zum Gespött des ganzen Umlands wurde. Wie konnte es dazu kommen? Natürlich war Wimpfen im Dreißigjährigen Krieg mehr in Mitleidenschaft gezogen worden als manche andere Stadt. Aber einzigartig waren seine Leiden nicht.

Eine Ursache für die Unfähigkeit, sich aus dem Staub zu erheben, waren wirtschaftliche Gründe, die sich schon vor dem dreißgjährigen Krieg angekündigt hatten. In anderen Kapiteln wurde bereits darauf hingewiesen, dass Wimpfen bis ins hohe Mittelalter große Vorteile daraus zog, dass es an einem Knotenpunkt alter europäischer Fernverbindungen lag. Die Hauptrichtung war in der alten Zeit die Verbindung von Speyer nach Nürnberg, die hier den Neckar überquerte. Aufgrund verschiedener günstiger Faktoren entwickelte sich aber die benachbarte Reichsstadt Heilbronn schon früh weitaus besser und überflügelte Wimpfen in allen Belangen. Das hatte zur Folge, dass sich aufgrund des geringen räumlichen Abstands auch die Verkehrs- und Warenströme nach und nach von Wimpfen weg nach Heilbronn verlagerten.

Wimpfen gelang es nicht, wirtschaftliches Zentrum einer Region zu werden. Ebensowenig konnte das Stradtgebiet über die unmittelbare Nachbarschaft des Orts hinaus vergrößert werden, wie es z.B. Schwäbisch Hall gelungen war. Wimpfen hatte 1649/50 sogar das Dorf Biberach und andere, kleinere Besitzungen verkaufen müssen. Die wirtschaftliche Basis für ein städtisch geprägtes Leben, getragen von Handel, Handwerk und Verwaltung, war nicht mehr gegeben.

So kam es, dass die Wimpfener Bürger sich großenteils nicht mehr von einem Gewerbe ernähren konnten. Der Wimpfener Chronist Ludwig Frohnhäuser schreibt: "Die Landstraßen, sonst viel gebraucht, lagen öde, leer stand des Zöllner Kasten am Thor. Die Goldschmiede und übrigen feinen Handwerker griffen nach Pflug und Hacke; denn Niemand begehrte Schmuck und Zierrath in dieser betrübten Zeit, da man Mühe hatte, des Lebens unentbehrlichste Nothdurft beizuschaffen." Aus der stolzen Stadt der Staufer war ein ärmliches Ackerbürgerstädtchen geworden.

Doch unausweichlich wäre diese Abstieg nicht gewesen. Beispiele in der Nachbarschaft, z.B. Heilbronn, Sinsheim und Schwäbisch Hall, zeigen, wie Städte in diesem kriegerischen 18. Jahrhundert aufblühten. Doch in Wimpfen gelang es der führenden Bürgerschicht nicht, die eingefahrenen, aus dem Mittelalter überkommenen Gleise zu verlassen. In einer Zeit, in der die Dampfmaschine erfunden wurde, erste industrielle Produktionsverfahren eingeführt wurden, die Flotten der Großmächte die Welt eroberten und die amerikanischen Kolonien nach ihrer Unabhängigkeit strebten, baute die Verfassung des Zwerg-Staatsgebildes Wimpfen noch auf den von den mittelalterlichen Kaisern gewährten Privilegien auf. Aufsicht, Förderung und Antrieb durch eine größere politische Einheit, wie es z.B. Württemberg, Baden oder die Kurpfalz gewesen wären, fehlte. Alle Angelegenheiten mussten mit den kaiserlichen Behörden in Wien geregelt werden, was sich meist unglaublich in die Länge zog. Andere Reichsstädte mögen in der Lage gewesen sein, diese "lange Leine" zu ihrem Vorteil zu nutzen, die Wimpfener Führung jedoch sträubte sich in dummstolzer Arroganz gegen den Fortschritt.

"Die Zeit des inneren Verfalls" nennt der Chronist Ludwig Frohnhäuser das 18. Jahrhundert in Wimpfen aus der Perspektive des Jahres 1870. Und dann zählt er lang und breit die Symtome auf:

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Mein Fazit: Der Magistrat der Reichsstadt war maßlos überfordert mit der Aufgabe, die kleine, weitgehend auf sich selbst gestellte Stadt Wimpfen in die neue Zeit zu führen. Geblendet vom Glanz früherer Epochen, gefangen in starren Traditionen, schätzte er die eigene Kraft und Bedeutung völlig falsch ein. Besonders erschwert wurde ihm zudem seine Aufgabe durch die starke politische und religiöse Zersplitterung des nordwürttembergischen Raumes. Dass die Initiative für die zwei Untersuchungskommissionen nicht von der kaiserlichen Obrigkeit ausging, sondern von der Wimpfener Bürgerschaft, ist meines Erachtens ein Zeichen dafür, als wie unbedeutend die die Stadt den Behörden in Wien erschien. Man hatte wichtigeres zu tun und ließ Wimpfen im Regen stehen.

Nach der gesetzlichen Neuregelung von 1779 waren eigentlich die Weichen für eine Sanierung gestellt, besonders auch, weil die kaiserliche Kommission ihre Hand bis in die 90er Jahre hinein über der Stadt hielt. Doch lassen wir hier A. von Lorent, einen anderen Chronisten von Wimpfen, im Originalton von 1870 zu Wort kommen: "Als aber am blutrothen Schlusse des 18. Jahrhunderts die Menschheit in Frankreich ihre Abrechnung machte, empfangenes Unrecht mit Wucherzinsen zurückbezahlte und die Guillotine ihre reiche Ernte von Schuldigen und Unschuldigen mähte, als die hochgehenden Wogen der Revolution Menschenglück und Leben verschlangen, Throne umstürzten, herrschende Dynastien vertilgten und von ihrem Toben der ganze Erdball erzitterte, da kamen auch für Wimpfen Zeiten, wie sie seit dem dreißigjährigen Kriege nicht wieder erschienen waren."