Die Mauern von Wimpfen: Die ersten Mauern waren römische Mauern. Sie sind versunken und vergessen. Archäologen haben
manche Fundamente ausgegraben. Große Teile schlafen noch unter der Erde von Bad Wimpfen im Tal im Boden. Spuren
deuten zwar auf einen großen Brand in römischer Zeit hin, doch danach wurde das Städtchen größer und schöner aus Stein
wieder aufgebaut und mit einer Stadtmauer befestigt. Was geschah, nachdem in den unsicheren Zeiten zwischen 210 und 260
das römische Leben im Land nach und nach zum Erliegen kam? Man weiß es nicht genau; vieles ist Vermutung. Die
Alamannen kamen, heißt es.
Siegreich hätte das Volk der Sueben oder Alemannen den Limes durchbrochen, die Römer zurückgeworfen und das schwäbische
Land in Besitz genommen: So war die Sichtweise bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Heute zeichnet hauptsächlich
die Archäologie ein anderes Bild. Die Ausgräber haben es dabei nicht
leicht, denn die Germanen dieser Zeit haben sehr wenig dauerhafte Spuren hinterlassen. Ihre Häuser bestanden aus
vergänglichem Holz. Zentrale Orte wie die keltischen Oppida bauten sie nicht, weitgespannte Handelsbeziehungen, wie sie bei
den Kelten ins Auge springen, gab es nicht. Als
verlässlichste Zeitzeugnisse bleiben nur die Gräber. Widerstandsfähige Bestandteile von Tracht, Schmuck, Geschirr und Waffen,
die den Toten beigegeben wurden, lassen doch manche Rückschlüsse zu. Fassen wir also einmal zusammen.
Den germanischen Völkern, die in den ersten zwei Jahrhunderten östlich und nördlich des Limes lebten, war die Idee
eines "Reiches" völlig fremd. Sie gliederten sich in lose Stammesverbände, die wohl nie wirklich scharf und stabil
definiert waren. In Kriegszeiten - man bekriegte sich auch gerne gegenseitig - wurde wohl auch ein Einzelner als Anführer
akzeptiert. Das Land war für unsere heutigen Begriffe nur partiell besiedelt, dort wo günstige Bedingungen herrschten.
Allzu sesshaft war man auch noch nicht; oft wurde ein Siedlungsplatz nach wenigen Jahrzehnten wieder verlassen.
Den Römern wiederum war die Idee eines Reiches in Fleisch und Blut übergegangen, sie suchten geradezu nach großen Strukturen.
So unterschieden sie die Völker Mitteleuropas in Kelten und Germanen, fassten die mitteldeutschen Germanen unter dem Begriff
Sueben zusammen und die in das Dekumatenland zwischen Rhein und Limes einwandernden Stämme unter dem Namen Alamannen. Das Volk
der Alamannen eroberte also die keltisch-römischen Gebiete nicht, es "entstand" erst dort als Sammelbegriff für die Gruppen,
die hauptsächlich aus den mitteldeutschen, suebischen Gebieten an der Elbe in den Jahren zwischen 260 und 430
nach und nach in das Neckarland einwanderten.
Die römischen Geschichtsschreiber berichten von zahlreichen Kriegen gegen die Alamannen. Man geht heute davon aus, dass es
dabei um die Eindämmung der Beutezüge von bewaffneten Haufen ging, die zunächst garnicht die Absicht hatten, Land zu besetzen. Nach
erfolgreichem Abschluss zogen sie sich wieder in die Stammlande im Inneren Germaniens zurück. Nach dem Zusammenbruch des
römischen Regimes ließen sich dann doch öfter einzelne Gruppen im Neckarland nieder. Sie bevorzugten Gegenden, die von den
Römern landwirtschaftlich und verkehrstechnisch erschlossen waren, und siedelte gerne in der Nähe ehemaliger römischer
Landgüter. Es gibt auch Anzeichen, dass römische Gebäude teilweise weitergenutzt wurden, bis sie endgültig verfielen.
Jedenfalls scheint man die rein ländlichen Bereiche bevorzugt zu haben. Der Kontakt zum Stammland an Elbe und Saale, in dem
weiterhin große Teile der Stämme lebten, blieb jedenfalls lange eng bestehen. Funde in den Gräbern zeigen einen regen
Austausch von Modeartikeln in Tracht und Schmuck in beiden Richtungen.
Lebten Alamannen in Wimpfen? In der Gegend schon. In Lauffen, Böckingen, Heilbronn und Gundelsheim haben sie in dieser Zeit
Spuren hinterlassen, immer im ländlichen Raum. Sie traten damit auf ihre Art das Erbe der römischen Gutshöfe an.
Aus Wimpfen selbst sind keine alamannischen Hinterlassenschaften bekannt. Es ist aber gut vorstellbar, dass ein vorher so
markantes Zentrum von Handwerk und Handel auch weiterhin bewohnt war, wahrscheinlich von Nachkommen der alten
keltisch-römischen Bevölkerung, die sich mit den Neuankömmlingen arrangiert hatten.
Die Zuwanderung der alamannischen Völkerschaften über den Thüringer Wald und das Maingebiet erreichte in den
Jahrzehnten um 350 ihren Höhepunkt. Um 400 sind im ganzen Gebiet zwischen Main, Rhein und Donau Germanen des
alamannischen Völkerkreises ansässig. Die Tradition, sich durch Überfälle in römisches Gebiet zu bereichern, wird
fortgeführt. Die römische Geschichtsschreibung nennt eine nahezu ununterbrochene Folge von Einfällen alamannischer Verbände
über den Rhein nach Gallien und über die Donau bis nach Italien hinein. Ein gemeinsamer und koordinierter Krieg war das
nicht. Die Alamannen standen unter der Führung zahlreicher rivalisierender Stammesfürsten oder Kleinkönige und begründeten
damit eine "gute" deutsche Tradition, die bis in unsere Zeit nachwirkt. Neben Auseinandersetzungen mit den Römern sind auch
zahlreiche Bündniss und Verträge mit ihnen bekannt. Freund und Feind: Man sah das von Fall zu Fall nicht so eng. In der Zeit
zwischen 450 und 500 trafen die Alamannen dann auf ihren Zügen auf einen anderen Gegner, gegen den sie letzlich
den Kürzeren zogen: die Franken.