Bürger ist heute jedes Mitglied eines Gemeinwesens. Im Mittelalter war das nicht so. Lange nicht jeder, der innerhalb
der Mauern unserer Stadt Wimpfen wohnte, war auch ein Bürger. Das Bürgerrecht musste beantragt werden. Ortsansässigkeit,
ein gewisser Wohlstand und Unbescholtenheit waren Voraussetzungen für die Aufnahme in den privilegierten Kreis.
Frauen waren keine Bürger!
Die Entstehung des Bürgertums in den Städten ist eingebettet in die gesellschaftlichen Entwicklungen
des Mittelalters. Aus der allgemeinen Gefolgschaftspflicht im Krieg des Frühmittelalter entwickelte sich der
niedere Adel und das Rittertum, in der Geistlichkeit bildete sich ein fein gegliedertes Hierarchie-System heraus,
Handwerker und Händler organisierten sich in Zünften, große Teile der armen Landbevölkerung glitten in die
Leibeigenschaft ab. Heute sprechen wir vom Ständesystem des "finsteren" Mittelalters, damals wurde es als
mehr oder weniger gottgegebenes Ordnungssystem angesehen. Stände und Zünfte - bürgerliche Errungenschaften -
waren besonders klar in den Städten ausgebildet. Städte entstanden an Markt-Plätzen, dort blühte Handel und
Handwerk. Reichtum führte zu Selbstbewustsein, und so traten die Städte bereits im Hochmittelalter als
neue Kraft dem Adel und den Kirchenfürsten entgegen. Städtebünde wurden zum Machtfaktor.
Betrachten wir also hier einmal den Ausklang des Mittelalters, vom Ende der Stauferdynastie Mitte des 13.
bis zur Reformation in der ersten Hälfte des 16. Jahrunderts. Deutschland war kein Zentralstaat wie z.B.
Frankreich. Das starke Engagement der Staufer in Italien hatte mit dazu beigetragen, dass regional der jeweilige
Fürst wesentlich größere Bedeutung hatte als der ferne Kaiser. Mit dem Niedergang der Staufer war auch das Ende des
Herzogtums Schwaben gekommen. Ganz allmählich begann der Aufstieg der Grafen von Württemberg in Stuttgart, für
die damalige Zeit doch recht weit im Süden von Wimpfen. Im Nordwesten von Wimpfen gewannen nach 1300 die Kurfürsten
von der Pfalz und ihre Stadt Heidelberg immer mehr an Bedeutung. Wimpfen wie so oft: dazwischen. Oft genug
wurde es hin und her gezerrt zwischen diesen zwei Polen. 1378 wurde die Talstadt von Ulrich von
Württemberg verwüstet, 1388 die Bergstadt von Ruprecht von der Pfalz beschossen.
Kurz nur war die Zeit von Wimpfen als imperialer Zentralort gewesen, wenig mehr als 50 Jahre. Die fehlende Reichsmacht
in der Zeit nach 1250 nutzten viele regionale Würdenträger, um sich ehemaligen Reichsbesitz anzueignen. Den größten
Einfluss auf Wimpfener Gebiet gewannen die Herren von Weinsberg. Gegen viele in Wimpfen ansässige frühere Reichsbeamten-
Familien und auch gegen die Interessen des Ritterstifts in Wimpfen im Tal gelang es ihnen jedoch nicht, die Stadt in
ihren Besitz zu bringen. Die Bürger der Stadt wurden immer wohlhabender und immer selbstbewusster. 1332 war es dann so weit,
dass Kaiser Ludwig IV der Stadt das Recht verlieh, selbst
darüber zu entscheiden, wer Wimpfener Bürger werden durfte. Bürgermeister und Stadtrat lösten die ehemaligen königlichen
Beamten ab. Wimpfen war damit vor dem Zugriff gebietshungriger Nachbarn gesichert. Doch auch die direkte
Durchgriffsmöglichkeit der Krone war eingeschränkt. Die ewig in Geldnot befindlichen Kaiser ließen sich die
Gewährung derartiger Privilegien üblicherweise in Heller und Pfennig bezahlen. Der Wohlstand in den Mauern von Wimpfen
erreichte im 14. und 15. Jahrhundert seinen Höhepunkt.
Was hinderte aber Wimpfen daran, zu einer glanzvollen Metropole wie das staufische Nürnberg aufzusteigen?
Als ersten und sicher nicht entscheidenden Grund möchte ich topographische Gesichtspunkte anführen. Der Neckar war
wohl durch die Schifffahrt eine wichtige Verkehrsachse, durch seine Größe aber auch ein bedeutendes Hindernis
für den Landverkehr. Steil ist der Anstieg vom Neckar zur Hochfläche des Kraichgaus an dieser Stelle. In Zeiten
von Pferde- und Ochsengespannen waren fast 100m Höhenunterschied ein nicht zu unterschätzendes Problem. Wimpfen hat
aber nie auf der anderen,
flacheren und in Römerzeit schon besiedelten Seite des Flusses Fuß gefasst. Die Neckarbrücke wurde 1300 durch Eisgang
zerstört und jahrhundertelang nicht wieder aufgebaut. Auch die knappe Fläche zwischen Fluss und Altenberg, auf der die
Talstadt liegt, wurde nie voll ausgenutzt. Wimpfen im Tal erreichte im Mittelalter bei weitem nicht die Ausdehnung der
römischen Stadt. Das kann es also nicht sein.
Der zweite Grund kann mit einem ganz aktuellen Begriff umschrieben werden: Globalisierung. Die Bedeutung von Wimpfen als
Handels- und Verkehrsplatz lag für die Staufer in seiner Lage an der alten West-Ost-Verbindung. Von hier ging es über
Rothenburg nach Nürnberg oder über Schwäbisch Hall nach Regensburg. In westlicher Richtung führten Straßen nach
Speyer und Worms. Im Früh- und Hochmittelalter gab es lebhaften
Handelsverkehr von den alten fränkischen Gebieten westlich des Rheins in die neuen Reichsgebiete in Bayern und Böhmen.
Wimpfen war einer der Dreh- und Angelpunkte.
Im 14. Jahrhundert änderte sich das stark. Die wichtigsten Haupthandelswege verliefen jetzt von den Seehäfen der Niederlande
am Rhein entlang, dann durch den Kraichgau nach Cannstadt, von dort über Augsburg und die Alpenpässe zu den
italienischen Hafenstädten. Wimpfen lag weit abseits.
Für den dritten und wohl entscheidenden Grund gibt es auch ein modernes Wort: Konkurrenz. Um es salopp zu sagen:
Wimpfen zog gegenüber der nahen Reichsstadt Heilbronn den Kürzeren. "Heilbronn lag seit jeher an einem klimatisch,
topographisch und verkehrsmäßig begünstigten Platz an der Kreuzung alter Handelsstraßen und an einer Neckarfurt."
So ist es auf der Seite des Heilbronner Stadtarchivs zu lesen. Heilbronn wurde im 8. Jahrhundert als fränkischer
Königshof gegründet. Im Osten weichen hier die Keuperberge weit vom Neckar zurück und lassen viel Platz auf flachem
Land. Von Westen her bietet das Tal des Böllinger Baches einen bequemen Zugang zum Fluss.
Vieles, was hier zur
Geschichte von Wimpfen gesagt wurde, gilt gleichermaßen für Heilbronn. Das "neue" Wimpfen der Staufer wirkte lange
wie eine kleine Schwester des schon etablierten Heilbronn. Eine direkte Straße über das altrömisch-allemannische
Böckingen verband die beiden Reichsstädte. Vielfältig waren von je her die Verwandtschaftsbeziehungen der
Bürgerhäuser und die Verbindungen auf politischer Ebene. Zahlreiche Verträge regelten das besondere Verhältnis.
Nach außen trat man oft gemeinsam auf. Obwohl Wimpfen politisch lange als gleichberechtigt betrachtet wurde,
hatte Heilbronn doch immer "die Nase vorne". Während die Wimpfener z.B. ihre alte Brücke nach der Zerstörung 1300
nicht wieder aufbauten, errichtete Heilbronn 1349 erstmals eine neue. In Wimpfen behalf man sich weiterhin
mit Fähren. Entscheidend war jedoch, dass es 1333 Heilbronn gelang, vom Kaiser die Genehmigung zu erhalten, den
Neckar nach Belieben zu stauen und umzuleiten. Die Heilbronner nutzten das weidlich aus und sperrten den Neckar
durch ein Wehr ab, so dass alle Waren in der Stadt umgeladen werden mussten. In Wimpfen wäre so etwas schon aufgrund
der topographischen Gegebenheiten kaum möglich gewesen. Ganz natürlich entwickelte sich
Heilbronn so zum einzigen großen Warenumschlagplatz am mittleren Neckar. Auch der kleiner gewordene Verkehr
auf dem alten West-Ost-Landweg lief aus naheliegenden Gründen jetzt größtenteils über Heilbronn. So war Wimpfen um 1500 politisch
in völlige Abhängigkeit zu Heilbronn geraten und in der Wirtschaftskraft weit zurückgefallen.
"Insgesamt lässt sich also die Entwicklung städtischer Politik vom 15. zum 16. Jahrhundert als zunehmender Rückzug,
Begrenzung der Reichweite von Außenbeziehungen und zunehmender Beziehungsdichte zum unmittelbaren Umland beschreiben.
Daß damit eine tendentielle Provinzialisierung einherging, wird schlaglichtartig daran deutlich, daß der Name der westlichen
Ausfallstraße sich während des 15. Jahrhunderts von 'Speyrer Weg' in 'Rappenauer Weg' wandelte." (Andreas Hafer)
Nicht, dass es den Wimpfener Bürgern schlecht gegangen wäre! In der kleinen Stadt gab es ein ganz breites Spektrum
an Handwerkern und Dienstleistern: Von den Weingärtnern, Wirten, Müllern, Ölschlägern, Bäckern und Metzgern über eine
breitgefächerte Bekleidungssparte mit Webern, Färbern, Tuchscherern, Schneidern, Hutmachern, Gerbern, Kürschnern und Schuhmachern
zu den holzbearbeitenden Spanhauern wie Schreinern, Zimmerleuten, Bendern und Wagnern.
Metallbearbeiter natürlich auch, also Schmiede, Schlosser, Kannengießer, Kessler und Schwertfeger.
Dann natürlich die Leute vom Bau, nämlich Ziegler, Maurer, Dachdecker, Glaser und Tünscher.
Das Transportgewerbe mit Kärrnern (kärcher) und Fährleuten (fergen) spielte trotz allem noch eine große Rolle.
Die Zunft der Apostelfischer in Wimpfen im Tal besteht bis heute! Wir Heutigen, deren einfachste Dinge des
täglichen Lebens zentral in wenigen Fabriken irgendwo auf der Welt angefertigt werden, können nur staunen, welche
Vielfalt von Fertigkeiten eine kleine mittelalterliche Stadt in ihren Mauern konzentrierte. Als folkloristischen
Abglanz richtet Wimpfen jeden Sommer seinen mittelalterlichen Zunftmarkt in stilgerechtem Ambiente aus. Denn eins
hat Wimpfen heute jedoch Heilbronn voraus: Heilbronns Baudenkmäler aus alter Zeit wurden in den Stürmen des zweiten
Weltkriegs völlig vernichtet, Wimpfen blieb verschont.