Venus, Mars, Jupiter, Saturn: Die Namen römischer Götter sind noch immer an unserem Himmel verewigt. Man verehrte sie auch
im römischen Wimpfen, wie Funde von Statuen belegen. Rom als Vielvölkerstaat schlechthin war ursprünglich in religösen
Dingen sehr tolerant. Man sah kein Problem in der Verehrung regionaler Gottheiten. So wurde in Wimpfen im Tal z.B.
eine Statue der gallo-römischen Göttin Epona ausgegraben. Weite Verbreitung fand in den ersten drei nachchristlichen Jahrhunderten
zunächst der aus Kleinasien stammende Mithras-Kult und später dann eben das Christentum. Dieses entwickelte
schließlich eine Dynamik, die als staatsbedrohend empfunden wurde. Die Christen weigerten sich, das einzige verbindliche religiöse Dogma des
späten Kaiserreichs anzuerkennen: die Göttlichkeit des römischen Kaisers. Zahlreiche Christenverfolgungen waren die Folge. Heute noch berichten die
Heiligenlegenden von einer großen Zahl von Märtyrern aus jener Zeit. Doch der Aufstieg des Christentums war unaufhaltsam.
391 wurde es im römischen Reich zur Staatsreligion erhoben. Der Spieß wurde umgekehrt, und es setzte eine gnadenlose
Verfolgung von Ungläubigen ein. Doch da war die römische Herrschaft in unserer Gegend schon
seit weit über 200 Jahren zu Ende gegangen.
Antike Quellen sagen uns, dass das Christentum anfangs als Religion der einfachen Gemüter, der Ungebildeten, der untersten
Volksschichten angesehen wurde. So wurzelte es auch in der gallo-römischen Bevölkerung westlich des Rheins.
Der Verfall der römischen Herrschaftstrukturen konnte den Bestand der christlichen Gemeinden dann nicht mehr gefährden.
In den Augen der Franken, die sich auch im Norden Galliens auf ehemals römischem Reichsgebiet ansiedelten, mag der christliche Glaube der
angestammten Bevölkerung wie ein Vermächtnis aus glorreicher Vergangenheit ausgesehen haben. Auch unter den Franken fanden
sich so zunehmend mehr Christen. 496 oder 497 fand schließlich die legendäre Bekehrung des Frankenkönigs Chlodwig zum katholischen
Glauben in der Schlacht gegen die Alamannen statt.
Das von Anfang an von zahlreichen inneren Streitereien und Glaubensspaltungen geschüttelte Christentum war jetz endgültig
auch bei den germanischen Völkern zu einem Machtfaktor und Politikum geworden. Anfang des 4. Jahrhunderts war es innerhalb
der Kirche zu grundlegenden Meinungsverschiedenheiten über die Natur von Jesus gekommen. Die auf dem Konzil von Nicäa 325
verurteilte Lehre des Arius hatte sehr viele Anhänger gewonnen, was sich auch in den kommenden Jahrzehnten nicht änderte.
Zeitweise war der Arianismus sogar offizielle Staatsreligion des Römischen Reiches. Die in dieser Zeit zum Christentum
bekehrten Germanen (Goten, Langobarden, Vandalen, Burgunder) gehörten sämtliche zur arianischen Glaubensrichtung und
blieben es auch noch bis zu 300 Jahre lang. Die
Entscheidung des Franken Chlodwig für die katholische Richtung war so für die folgende europäische Geschichte prägend und
aus heutiger Sicht auch politisch klug. Die anderen Germanenstämme standen in ihren neuen Reichen mit ihrem Arianismus
in scharfem Gegensatz zur angestammten, großen Mehrheit der katholischen Bevölkerung. Dass das von den Franken vermieden wurde
war wohl einer der Faktoren für ihren Erfolg.
Mit den Franken kam nach 500 das Christentum nach Wimpfen. Jetzt braucht man sich aber nicht vorzustellen, dass innerhalb
kurzer Zeit die ganze Bevölkerung von "abergläubischen" Heiden zu überzeugten Christen wurden. Christen waren zunächst die
Mitglieder der dünnen fränkischen Oberschicht, wie gesagt nicht zuletzt wohl auch aus politischen Gründen. (Noch längere
Zeit waren englische und irische Mönche im Frankenland mit der Missionierung des Volks beschäftigt.) Im ganzen Frankenreich
entstand eine Art Bündnis zwischen Kirche und Adel, manchmal auch von Kirche und Kaiser gegen den aufstrebenden Adel.
Adlige bekleidenten hohe kirchlische Ämter, Bischöfe wurden Territorialherren. Schon die merowingischen Frankenkönige
hatten es verstanden, das Lehnswesen zu etablieren, in dem idealerweise der König alles Land besitzt und es auf Abruf und
gegen bestimmte Leistungen den Fürsten überlässt. Wimpfen wurde so Besitz des Bischofs von Worms.
Viel ist Vermutung aus dieser Zeit, verlässliche archäologische Zeugnisse sind dünn gesät, die spärlichen schriftlichen
Quellen haben die Qualität von Legenden. In Wimpfen im Tal scheint man zwischen 600 und 700 eine Kirche symbolträchtig
im Zentrum der ehemaligen römischen Stadt erbaut zu haben, ganz im Sinne des Anspruchs der Franken, die
Tradition des Römischen Reiches fortzuführen. Eher in einer anderen "guten" alten Tradition sind dann um 950 die
Raubzüge der Ungarn im Reich zu sehen. Wie früher schon die Römer mit wilden Germanenstämmen paktierten, so waren
die Ungarn mindestens zeitweise als Söldner bei einem Konflikt im deutschen Kaiserhaus eingespannt. Kurze Zeit vor ihrer
schicksalhaften Niederlage bei der Schlacht auf dem Lechfeld (955) soll eine Schar bis über den Rhein vorgedrungen sein
und unterwegs auch Wimpfen im Tal niedergebrannt haben. Die Kirche wurde dabei zerstört. War sie schon dem heiligen Petrus
gewidmet?
Um 965 wurde mit dem Bau einer neuen, repräsentativen Kirche begonnen. Die zwei Türme von St. Peter in Wimpfen im Tal
stammen noch von dieser Kirche. Ausgrabungen haben für den Rest einen sechseckigen Grundaufbau zu Tage gefördert, der
sehr an die Palastkapelle von Karl dem Großen in Aachen erinnert. Kirchenbauten sind
in diesem Zusammenhang nicht nur als Zeichen des Glaubens, sondern wieder einmal auch als Symbole der Macht zu sehen.
Auch in Worms, Wimpfens Bischofsstadt, gab es mit der Johanneskirche einen ähnlichen Bau. In diese Zeit wird wohl auch die
Entstehung des Chorherrenstifts in Wimpfen fallen. Der Prior des Stifts war einer der
höchsten kirchlichen Würdenträger des Wormser Bistums. Sein Zuständigkeitsbereich erstreckte sich neckarabwärts
bis nach Heidelberg. Diese Zeit einer auch politisch bedeutenden Rolle von Wimpfen im Tal ging um das Jahr 1100
zu Ende, als die Wormser Bischöfe in Folge von Auseinandersetzungen mit dem Salierkaiser Heinrich IV. sehr
stark an Macht verloren.
300 Jahre nach dem Bau der frühromanischen Kirche wird 1269 mit dem Bau des heute noch bestehenden gotischen
Kirchenteils begonnen. Die hochgesteckten Ziele konnten aber nicht ganz realisiert werden: Für den Bau neuer Türme
reichte das Geld offensichtlich nicht mehr, und man beschloss, den schon neu gebauten Chorraum an die bestehenden
Türme und den Eingangsbereich anzuschließen. Wie heute noch zu besichtigen ist, wich die Achse des Neubaus aber stark
von der Achse der alten Kirche ab. St. Peter in Wimpfen im Tal hat daher einen seltsam schiefen Grundriss.
Der Neubau fällt in die Zeit des Interregnums; salische und hohenstaufische Kaiser sind schon Vergangenheit.
Eine wechselvolle Zeit mit Machtpoker zwischen Kaiser und Papst liegt hinter Mitteleuropa. Lachende Dritte sind die
deutschen Landesfürsten. Nie wieder werden sie einen Kaiser mit der alten Machtfülle dulden.
Und in Wimpfen hat sich der Schwerpunkt vom Tal zum Berg verlagert.