Mir scheint es wichtig, ab und zu einmal innezuhalten und zu versuchen, durch einen Blick in die Vergangenheit die großen
Linien der Geschichte zu erkennen. Blicken wir zurück vom Standpunkt des Endes des 18. Jahrhunderts.
Am Anfang steht das gewaltige römische Reich, das in Europa bis heute seinesgleichen sucht. Östlich des Rheins behaupteten
sich die germanischen Stämme, die noch kaum wirklich sesshaft waren, keine festen Territorien kannten, ebensowenig wie
klare Führungs- oder gar Verwaltungsstrukturen. Nicht einmal gegenüber dem römischen Imperium gab es eine einigermaßen
einheitliche Position. Die einen kooperierten, die anderen bekämpften.
So zieht sich der rote Faden dahin, vom Reich Karls des Großen, das die Chance für einen ganz anderen Verlauf
der mitteleuropäischen Geschichte in sich barg, bis in die neueste Zeit: Das karolinische Reich der Franken zerfiel alsbald in einen
romanischen Westteil und einen germanischen Ostteil. Im östlichen Teil, dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation,
ist das ganze Mittelalter durchzogen vom zunehmend erfolgreichen Widerstand der Stammesregionen,
später der Regionalfürsten, gegen die zentrale Macht des Kaisers. Er blieb immer der von der Wahl der Kurfürsten abhängige.
Die Kaiser verzettelten sich durch aufreibende Auseinandersetzungen mit der Kirche und später durch vielfältiges Engagement
außerhalb des deutschen Kernlandes. Den eigentlichen Todesstoß erhielt das Reich in meinen Augen
in der Zeit der Reformation und des folgenden Dreißigjährigen Krieges, da nun als weiterer Separierungsfaktor die
Konfession hinzukam.
Den Menschen der Zeit gegen Ende des 18. Jahrhunderts war bewusst, dass die politischen und gesellschaftlichen
Verhältnisse wohl nicht mehr lange in althergebrachter Art weiterbestehen konnten. Besonders in England, Frankreich
und den Niederlanden hatten die großen Denker der Aufklärung den Boden für eine neue Epoche vorbereitet.
In England hatten Bürger, Adel und Monarchie in einem langen Ringen den Schritt vom Absolutismus zur
parlamentarischen Monarchie bereits geschafft. Frankreichs Monarchen blieben
jedoch unbeugsame Absolutisten. So kam es 1789 in Frankreich zur Explosion. Die Revolution änderte unter dem
Motto "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" mit brutaler Macht die Verhältnisse in Frankreich und strahlte auf die
ganze westliche Welt aus. Und doch ging aus diesen blutigen Wirren letzten Endes keine Demokratie hervor, sondern mit
Napoleon kam ein Kriegsherr und Kaiser neuen Stils an die Macht. Nach seinem grandiosen Siegeszug durch Europa und seiner
ebenso grandiosen Niederlage 1815 war in Mitteleuropa nichts mehr, wie es 30 Jahre früher gewesen war.
Auch wenn das Heilige Römische Reich nach dem Dreißigjährigen Krieg noch 150 Jahre dahinvegetiert hatte, seine Zeit
war jetzt vorbei. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts manifestierte es sich nur noch als Schemen
in Gestalt des Kaisers in Wien und des nur schwer entscheidungsfähigen Immerwährenden Reichstag in Regensburg.
Österreich im Südosten und Preußen im Nordosten waren jetzt die beiden Haupt-Antagonisten auf deutschem Boden.
Daneben existierten etwa 1800 selbständige Territorien, einige große wie Bayern, Sachsen und Hannover,
viele mittlere, kleine und kleinste. Von den kleinsten eines war unser Wimpfen.
Wie sah nun sein territoriales Umfeld um 1790 aus? Jenseits des Neckars erstreckten sich von Gundelsheim bis Neckarsulm
Gebiete des Deutschen Ordens. Weiter neckarabwärts begannen die kurfürstlichen Lande des Pfalzgrafen bei Rhein.
Im Süden trennte mit Ober- und Untereisesheim ein schmales Stück des Herzogtums Württemberg das Wimpfener Gebiet
von der Reichsstadt Heilbronn. Im Westen lagen die kleinen Besitztümer der im Ritterkanton Kraichgau
zusammengeschlossenen Freiherren, die wie Wimpfen unmittelbar dem Kaiser unterstanden.
Dahinter begannen nach Westen hin Ländereien des Speyrer Bischofs und des Markgrafen von Baden.
Der Landgraf von Hessen-Darmstadt war weit weg; sein Land lag nördlich des Odenwalds. Von Staaten in modernem Sinn kann
man hier noch kaum reden. Die Gebilde waren äußerlich in der Regel zerfleddert und innerlich zerrissen von althergebrachten
Nutzungs- und Abgabenrechten, die sich nicht mit den äußeren Grenzverhältnissen deckten. Auch auf Gebiet der Stadt Wimpfen
hatten der Ritterstift St. Peter, der Wormser Hof, das Geistlichen Spital und das Dominikanerkloster vielerlei Besitztümer
und Steuereinzugsrechte, die sich dem Zugriff der Reichsstadt entzogen.
1792 erklärten die Revolutionskommitees in Paris den Krieg gegen Österreich; es folgten über 25 Jahre mehr oder weniger
permanenter Kriege in Europa. Die ersten Kriegsjahre brachten der Stadt Wimpfen hohe Abgabenlasten an Geld,
Material und Arbeitsleistungen, zwar schwer aufzubringen, jedoch nichts Ungewöhnliches im Vergleich zu anderen
Orten und mild im Vergleich zu dem, was die Pfalz in dieser Zei zu leiden hatte.
1799 tauchte erstmals französisches Militär aus den Armeen des erfolgreichen
Generals Moreau in Wimpfen auf. Die Lage in Wimpfen war trist. Den Chronisten aus späteren Jahren
drängt sich der Eindruck auf, sie sei von Erstarrung, Apathie und Depression
gekennzeichnet gewesen. Wimpfens Mauern "zierten" weithin sichtbar die Ruinen von zwei beim großen Brand von 1788 zerstörten
Türmen. Man hatte nicht die Kraft, sie abzureißen oder instandzusetzen.
1801 sah sich Kaiser Franz gezwungen, mit Frankreich den Frieden von Lunéville abzuschließen.
Durch Napoleon Bonaparte wurden jetzt die Verhältnisse in Deutschland mit eisernem Besen bereinigt. Das Recht des Siegers
setzte sich über alle hergebrachten Rechte, Gesetzte und Grenzen hinweg. Der Rhein bildete
nun die Ostgrenze Frankreichs. 1803 wurde den geistlichen Fürsten ihr weltlicher Besitz genommen, alle Klöster und geistlichen
Stifte wurden enteignet, fast alle Reichsstädte und reichsunmittelbare Ritterschaften verloren bis 1806 ihre Selbständigkeit.
Der enteignete Besitz wurde dazu benutzt, weltliche Fürsten für ihre linksreichischen Verluste zu entschädigen. Einige, die
beim Buhlen um die französische Gunst besonders erfolgrech gewesen waren, bereicherten sich schamlos. Bayern und Württemberg
wurden Königreiche von Napoleons Gnaden, Baden und Hessen wurden zu Großherzogtümern aufgewertet.
1806 legte Kaiser Franz resigniert die deutsche Krone nieder. Das alte Reich war vergangen.
Schon vor der offiziellen Verabschiedung des Reichsdeputationshauptschlusses im Februar 1803 war bekannt geworden, dass
Wimpfen in das überaus große Entschädigungspaket für den Markgrafen von Baden fallen sollte. Schon im September 1802
zog badisches Militär in Wimpfen ein und nahm die Stadt de facto in Besitz. Keine Stimme hat sich in Wimpfen
gegen den Verlust der Selbständigkeit erhoben. Der Magistrat begrüßte devot den Abgesandten des neuen Herren und scheint
fast erleichtert gewesen zu sein, dass die Last von seinen Schultern genommen war.
Die badischen Beamten machten sich umgehend daran, die Verhältnisse in der Stadt zu klären.
Und so kamen auch die an anderer Stelle schon mehrfach erwähnten
geistlichen Einrichtungen in der Stadt in den Fokus: Das Dominikanerkloster besaß kein eigenes Territorium und gehörte
juristisch damit zur Stadt Wimpfen. Anders war es mit dem Wormser Hof und dem Stift St. Peter in Wimpfen im Tal.
Schon gegen Ende 1802 meldete Hessen-Darmstadt als Rechtsnachfolger des enteigneten Wormser Bischofs seine Ansprüche darauf an.
Es folgte ein monatelanges briefliches Geplänkel zwischen Baden und Hessen, begleitet von Drohgebärden wie der Stationierung
einiger hessischer Soldaten in Wimpfen im Tal. Die hessischen Ansprüche auf Stift und Wormser Hof waren gut begründet,
eine Aufteilung zwischen Baden und Hessen konnte natürlich auch keine zukunftffähige Lösung sein.
Inzwischen hatte Baden jedoch so viel Einblick in die Wimpfener Zustände erlangt, dass man wohl zu der Erkenntnis kam,
das arme Wimpfen würde nicht gerade eine Perle des badischen Landes sein.
So kam aus Karlsruhe der Vorschlag, Wimpfen im Tausch für andere Gebiete ganz an Hessen abzutreten. Nach längeren
Verhandlungen über die Modalitäten kam Wimpfen so am 11. Juni 1803 in den Besitz des Landgrafen von Hessen-Darmstadt.
Die Situation als Freie Reichsstadt war problematisch für das kleine Wimpfen gewesen.
Die Zugehörigkeit zu Hessen war ein Fortschritt gegenüber der elenden kleinstädtische Selbständigkeit,
aber eine Angliederung an Baden wäre im Nachhinein gesehen sicher besser für Wimpfen gewesen.
Denn das Städtchen bildete nun eine hessische Exklave ohne Verbindung zum hessischen Hauptland.
Schlimmer noch: Als eine Art Relikt alter Kleinstaaterei war es eingezwängt zwischen Baden und Württemberg und hatte zu
beiden Staaten Grenzen. Wir heutigen Europäer müssen uns erst klarmachen, was das bedeutet: An eine gemeinsame deutsche Währung war
noch nicht zu denken. Die neuen, größeren Staaten vereinheitlichten im Innern jetzt nach und nach die Maßsysteme, die
ja neben dem Geld die wichtigste Grundlage des Handels darstellen. In Wimpfen wurde zwar Recht und Verwaltung durch den
hessischen Staat umgehend gründlich reformiert, aber eine Einführung hessischer Maße und Gewichte ließ sich der Bevölkerung
nur schwer vermitteln, da wenig Handelsbeziehungen zum "Mutterland" bestanden, und musste im Laufe vieler Jahre mit
Gewalt durchgesetzt werden. So war Wimpfen weiterhin in seinem Umland verwaltungsmäßig und wirtschaftlich isoliert. Den
konservativen Kräften in der Stadt mag das gefallen haben, aber Handel und Gewerbe mieden Wimpfen, und die Einwohner
wandten sich weiterhin immer mehr der Landwirtschaft zu. Darüberhinaus machte sich eine neue gesellschaftliche Kraft
bemerkbar und forderte zunehmend ihre Rechte: die Arbeiter. Doch das sprengt den Rahmen dieser Seite.
Wimpfen blieb hessisch bis nach dem zweiten Weltkrieg. Ohne großes Federlesen gliederte die Militärverwaltung 1945 den Ort an den badischen Kreis Sinsheim an. In guter alter Tradition stellte sich die Stadtverwaltung quer und wollte bei dem so schön weit entfernten Hessen bleiben. Man einigte sich auf eine Volksentscheidung, die zur allgemeinen Verwunderung nach dem Motto "Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte" ausging. Die Mehrheit der Einwohner entschied sich weder für Hessen, noch für Baden, sondern für Württemberg und den Kreis Heilbronn. Die vielen Heimatvertriebenen hätten den Ausschlag gegeben, meinten die alten Wimpfener. Jedenfalls kam die Stadt am 1. Mai 1952 zum Landkreis Heilbronn. Die Mauern von Wimpfen kapseln die Stadt seither nicht mehr ab von ihren Nachbarn, sonder sorgen mit ihrer altehrwürdigen Anziehungskraft für die Touristenscharen, die Bad Wimpfen heutzutage so willkommen sind.