Römer

Kastell, Stadt und Neckarbrücke


Urtica dioica
Urtica dioica

Quasi im Handstreich hatte Caesar zwischen 58 und 51 v.Chr. das keltische Gallien erobert. Der Rhein bildete nun die Grenze des römischen Reiches. Um die Zeitenwende war Gallien sicher in römischer Hand. Der keltische Adel stand lange vor der Eroberung schon deutlich unter dem Einfluss des griechisch-römischen Kulturkreises. So war der Widerstand gegen die neuen Sitten aus dem Süden dort anscheinend gering. Die Masse des Volkes hielt offensichtlich stärker an ihrem "Kelten-Sein" fest. Die neuen Herren hatten auch überhaupt nichts dagegen. So bildete sich recht schnell eine eigene, vitale gallo-römische Kultur heraus, und das heutige Frankreich erlebte eine weitgehend friedliche Blütezeit.

Blühte um diese Zeit auch das Unterland am mittleren Neckar? Die Experten tun sich schwer, uns ein gesichertes Bild des Lebens in der Wimpfener Gegend um das Jahr 1 zu geben. Verödete Landstriche stellte man sich noch vor wenigen Jahrzehnten vor, verlassen von der keltischen Bevölkerung, die zermürbt von germanischen Überfällen und angezogen von den Verlockungen des Mittelmeers nach Süden davongezogen war. Neuere Erkenntnisse der Archäologie deuten allerdings darauf hin, dass bei weitem nicht alle keltischen Clans das Land verlassen hatten. Kelten bildeten wohl auch zu Beginn des ersten nachchristlichen Jahrhunderts die Gundbevölkerung des heutigen Baden-Württemberg, auch wenn sich hier und da, besonders am Rhein, schon einige germanische Gruppen festzusetzen begannen.

Nach Gallien wurden auch die Alpen und das ganze Gebiet südlich der Donau noch vor Christi Geburt als Provinz Rätien dem römischen Reich einverleibt. Jetzt ging das Imperium daran, seine Grenze bis zur Elbe vorzuschieben. Geplant war wohl eine zangenförmige Aktion, einerseits vom Niederrhein nach Osten, andererseits von der mittleren Donau nach Norden. Der Teil im Norden lief nicht schlecht. Im Jahr 7 n.Chr. konnte Erfolg nach Rom gemeldet werden: Norddeutschland war in römischer Hand. Nicht jedoch der Süden. Schwierigkeiten in anderen Teilen des Reiches führten dazu, dass die Legionen aus Rätien anderswo beschäftigt waren und ihren Teil des Plans erst überhaupt nicht beginnen konnten. Auch das Militär im Norden konnte sich nicht voll auf die Sicherung der neu eroberten Gebiete konzentrien. So konnte die römische Herrschaft in Germanien nicht gefestigt werden. Berühmt ist die Niederlage der Römer im Teutoburger Wald. Schließlich gaben sie ihre großen Eroberungspläne in Germanien auf und zogen sich hinter die natürlichen Grenzen Rhein und Donau zurück.

Hedera helix
Hedera helix

Der für Militär und Handel so wichtige Verkehr zwischen den Provinen westlich des Oberrheins und südlich der Donau gestaltete sich jedoch schwierig. Weite Wege über die Gegend des heutigen Basel waren notwendig. Nach vergeblichen Aufständen der Helvetier ging das römische Imperium daher daran, das südwestdeutsche Dreieck dem Reich einzuverleiben. Nennenwerten Widerstand gab es nur im Norden des Gebietes (heute Hessen) von den germanischen Chatten. Bis zum Jahr 85 n.Chr. war die Grenze an den Neckar vorverlegt.

So kamen die Römer nach Wimpfen.

Zuerst die Soldaten. In Wimpfen im Tal, wohl wo heute das Kloster ist, bauten sie um diese Zeit ein Kastell. Nichts großartiges: 2-3ha groß, also z.B. 160*160m, eine Umgrenzung aus kräftigen und hohen Holzpalisaden, davor ein Graben, die Erde um die Palisaden aufgehäuft. Auf dem Erdwall konnte man zur Verteidigung oben im Schutz der Palisaden stehen. An den Ecken vielleicht hölzerne Türme. Hauptaufgabe des Lagers wird wohl der Schutz der hölzernen Brücke gewesen sein, die die römischen Militärpioniere hier in einem Zug über den Neckar und über die gegenüber mündende Jagst schlugen. Und natürlich die Kontrolle des Verkehrs. Nutzten doch nicht nur die Soldaten diese Brücke als Verbindung zu dem neu erstellten Neckar-Odenwald-Limes, der sich von hier bis Wörth am Main erstreckte. Auch ein uralter Handelsweg vom Kraichgau ins Hohenlohische, die sogenannte Hohe Straße, kreuzt hier den Neckar.

Kamen wirklich Römer? Wohl weniger. In dieser Art von Lagern waren Hilfstruppen stationiert, die in allen Teilen des Reiches rekrutiert und fern ihrer Heimat eingesetzt wurden, um einer Fraternisierung mit der einheimischen Bevölkerung entgegen zu wirken. In Wimpfen haben Hispanier, Britonen und Aquitanier ihre typischen Ziegelmarken hinterlassen.

Das römische Recht sorgte für Ordnung, das Militär für Sicherheit. Wie sehr die Bevölkerung das zu schätzen wusste, erkennt man an der Vielzahl heute noch bestehender Städte an der Stelle ehemaliger Römerkastelle. Schnell florierten Handwerk und Handel. Eine ungeahnte Blütezeit setzte ein. Im Umkreis des Lagers entstand, was man für die damalig Zeit durchaus eine Stadt nennen konnte. Um das Jahr 150 n.Chr wurde die Grenze nochmals nach Osten vorverlegt. Der Limes in seinem endgültigen Verlauf entstand. Wimpfen im Tal verlor seien Bedeutung als Militärstützpunkt. Besser sollte man es positiv beschreiben: Von einem Frontstädchen entwickelte es sich zu einem bedeutenden Ort im gesicherten Hinterland. Statt einfacher Holzbauten prägte bald repräsentatives Steinmauerwerk das Bild. Die ummauerte Zivilsiedlung war mindestens fünfmal größer als das Kastell. Sie erstreckte sich aus Richtung Untereisesheim kommend von der Bahnunterführung bis etwa 30m über die jetzt noch stehende mittelalterliche Mauer an der Corneliastraße hinaus. Wimpfen war Sitz eines römischen Veraltungsbezirks, der Civitas Alisinensium, wie man vermutet. Das Umland wurde großflächig für die Landwirtschaft nutzbar gemacht; 320 Gutshöfe hat die Archäologie am mittleren Neckar zwischen Walheim und Wimpfen gezählt. Zahlreiche Kulturpflanzen brachten die Römer mit, allen voran den Wein. Waren aus fernen Ecken des Imperiums fanden ihren Weg hierher in die "Decumates agri".

Potentilla sterilis
Potentilla sterilis

Wer vor den Toren des Wimpfener Lagers seine Gaststätte, Schmiede, Töpferei oder Landwirtschaft betrieb, wissen wir nicht. Ich stelle mir aber ein buntes Völkergemisch vor, aus einheimischen Leuten, Soldaten im Ruhestand und unternehmungslustigen Menschen, die den Soldaten hierher in Goldgräberstimmung gefolgt waren. So mag auch mancher Gallier den Weg zurück in das Land gefunden haben, das seine Vorfahren einige Generationen vorher südwärts ziehend verlassen hatten. "Leichtfertige Gallier, aus Not kühn geworden, besetzten das Land ohne richtigen Besitzanspruch", schreibt Tacitus. Alle einte die römische Kultur, man verehrte die römischen Götter und allerorten hielten römische Sitten Einzug. Aus einem dünn besiedelten Waldland war eine vitale römische Provinz geworden.

Das weckte natürlich Begehrlichkeiten auf der anderen Seite der Grenze. Nicht dass man völlig voneinander isoliert gewesen wäre. "Freie" Germanen und Kelten trieben regen Handel mit ihren romanisierten Vettern. Ganze Stammesverbände verdingten sich als Söldner-Hilfstruppen bei den Römern. Doch die ganze Geschichte des südwestdeutschen Raumes in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten ist geprägt von räuberischen Überfällen auf römisches Gebiet, hauptsächlich von Germanenhorden. Sie tauchten aus dem Hinterland auf, fielen plündernd in die wohlhabenden römischen Provinzen ein und verschwanden umgehend wieder mit ihrer Beute in den germanischen Wäldern. Nichts deutet auf die Absicht hin, dauerhaft römischers Gebiet für sich erobern zu wollen. Wenn es einem römischen Militärverband gelang, sie zu stellen, zogen sie praktisch immer den Kürzeren. Zwistigkeiten im Reich und Probleme an anderen Grenzen führten allerdings immer wieder zum Abzug großer römischer Militäreinheiten. Den Plünderungen war so Tür und Tor geöffnet. Doch auch bei voller Militärpräsenz konnte mit den Möglichkeiten der damaligen Zeit die lange Grenze nicht wirklich dicht gemacht werden. Der Limes war nicht mehr als eine Alarmlinie, von der aus die Legionen im Hinterland bei feindlichen Einfällen alarmiert wurden. Das einzige, was sie tun konnten, war Schadensbegrenzung.

Um das Jahr 200 fällt das Römische Reich in eine schwere Krise. Ein Soldatenkaiser jagt den anderen; oft herrschen mehrere gleichzeitig in verschiedenen Teilen des riesigen Imperiums. Bürgerkriegsähnliche Zustände führen zum Chaos, der Schutz der Grenzen kann nicht aufrecht erhalten werden. Ein schneller und allgemeiner Niedergang zeichnet sich in der rechtsrheinischen Provinz ab. Heute nimmt man an, das in dieser Zeit große Teile der romanisierten Bevölkerung unsere Gegend verlassen haben, um sich in sichereren Ländern niederzulassen. Das Neckarland zwischen Rhein und Donau konnte aufgrund des inneren Verfalls des Römischen Reiches nicht mehr gehalten werden. Um das Jahr 260 zog sich Rom nach 175 Jahren wieder endgültig hinter den Rhein zurück. Die später in die Gegend vordringenden Alamannen fanden sicher keinen Widerstand mehr. Von der früher oft angenommenen glorreichen Eroberung durch den germanischen Stamm redet heute jedenfalls kein Fachmann mehr. Manches deutet darauf hin, dass die Römer sogar ganz bewusst die Ansiedelung von Germanen förderten und mit ihnen gar Verträge schlossen, um die Überfälle aus dem germanischen Hinterland einzudämmen. Andererseits sieht es auch so aus, als ob so macher römische Bürger im Land blieb. Für Wimpfen im Tal kann man durchaus eine kontinuierliche Siedlungsgeschichte seit römischer Zeit annehmen, wer auch immer dort wohnte.

Und Wimpfen am Berg? "Das Castell erhob sich ohne Zweifel auf der Höhe, wo heute die Burgruine von Wimpfen am Berge steht", schrieb 1870 A. von Lorent und irrte gewaltig. Heute bleiben nur Fragen: Wie in römischer Zeit die Wimpfener Bergkuppe aussah wissen wir einfach nicht. Vielleicht schlummert ja noch manche Überraschung unter den Mauern von Wimpfen.