Salzsieder

Salinen in Wimpfen


Sedum rupestre - Felsen-Fetthenne
Sedum rupestre

Das heute gedankenlos benutzte, billige Salz war früher eine Kostbarkeit. Wer Salz gewinnen und verkaufen konnte, wurde reich. An sonnenreichen Küsten wird Salz seit eh und je aus Meerwasser gewonnen. Im kühleren Mitteleuropa ist es ein Bodenschatz, dessen Nutzung seit Urzeiten überliefert ist. Hallstatt in Österreich ist dafür bekannt, dass dort bereits die Kelten ein florierendes Bergwerk betrieben. Doch nicht überall erlaubte es die geologische Situation, das Steinsalz bergmännisch abzubauen. Vielerorts wurden natürliche salzhaltige Quellen benutzt, so zum Beispiel in Schwäbisch Hall, wo man Spuren einer Saline ebenfalls aus keltischer Zeit gefunden hat.

In Offenau, gegenüber von Wimpfen auf der anderen Neckarseite, gab es schon lange eine Salzquelle, die sich ab 1560 als Heilquelle für den Badebetrieb einen gewissen Ruf erwarb. Aber erst um 1750 kam man dort auf die Idee, durch Bohrungen Salzquellen zu erschließen und sie zur Gewinnung von Speisesalz zu nutzen. Die Versuche waren erfolgreich, und schon 1756 nahm die Saline Clemenshall in Offenau ihren Betrieb auf.

Wenn Grundwasser auf seinem Weg zur Erdoberfläche salzhaltiges Gestein durchströmt, kommen natürliche Solequellen wie die in Offenau zu Stande. Der Salzgehalt ist oft gering. Um trockenes Salz zu gewinnen, muss das Wasser jetzt vollständig entfernt werden. Die Standardprozedur dazu ist es, die Sole so lange zu sieden (früher in offenen Pfannen), bis alle Flüssigkeit verdampft ist. Das erfordert viel Brennmaterial, und zwar um so mehr, je niedriger der Salzgehalt der Sole ist. Um Kosten zu sparen, schaltete man daher früher dem Salzsieden die sogenannte Gradierung vor. Im Gradierwerk wurde dabei die natürliche Verdunstung des Wassers ausgenutzt. Die Sole rieselte mehrfach durch Reisigbündel, die in haushohen Gestellen aufgeschichtet waren. Die so erzielte große Wasseroberfläche förderte die Verdunstung, und der Salzgehalt stieg kräftig an. Das funktionierte am Besten bei warmem, trockenem Wetter. Bei Regen waren die Gradierwerke nutzlos. Auf der Landesgartenschau 2008 in Bad Rappenau war ein kleines, originalgetreu nachgebautes Gradierhaus zu besichtigen.

Die Offenauer Salinenpläne kamen den Wimpfenern ziemlich schnell zu Ohren. Man machte sich ebenfalls im Neckartal auf die Suche nach Salzquellen, und schon 1752 meldete der Wimpfener Notar Weigand einen Fund. Die Stadt erteilt ihm und in den Folgejahren auch noch anderen unternehmungslustigen Gruppierungen die Genehmigung, weiterzusuchen. Erfolg hatte aber zunächst keiner. Inzwischen wurden auch aus Heinsheim Solequellenfunde gemeldet. In Offenau - von Wimpfen aus betrachtet im Deutschordens-Ausland - dampften schon kräftig die Pfannen. Es muss den Wimpfenern ein Dorn im Auge gewesen sein, wenn sie von ihren Mauern hinab ins Neckartal auf die imposanten Salinenanlagen von Clemenshall schauten. Alleine die drei Gradierhäuser dort waren jedes über einen halben Kilometer lang. Von der Jagst unterhalb von Duttenberg aus hatte man einen Kanal angelegt, um die notwendigen Pumpen mit Wasserkraft antreiben zu können. (Das Wehr mit kleinem Kraftwerk existiert heute noch. Den Verlauf des Kanals kann man in Jagsttal bei Jagstfeld noch als schnurgerade Heckenreihe erkennen.)

Oxalis stricta - Aufrechter Sauerklee
Oxalis stricta

In Anbetracht der äußerst schlechten finanziellen Lage der Stadt Wimpfen hatte sich der Rat zunächst sehr vorsichtig verhalten und an Grabegenehmigungen die Bedingung geknüpft, dass der Stadt keine Kosten entstehen dürften. Doch angesichts der Offenauer Pracht nahm der Magistrat 1760 die Sache in die eigene Hand. In dem von der Stadt engagierten Gremium gab es aber keinen einzigen wirklichen Salinenfachmann. Wenigsten für die technischen Anlagen ("Wasserkunst") hatte man aus Offenau einen Experten abgeworben, den gelernten Zimmermann Fuldner. Nach vergeblichen Bohrversuchen an verschiedenen Stellen und einer Menge dafür ausgegebenem Geld kam man langsam unter Zugzwang. So war der Magistrat heilfroh, als aus einem Bohrloch an der Erbachmündung, am heutigen Parkplatz des Mineral-Freibads, salziges Wasser floss. In der Stadt herrschte Goldgräberstimmung. Der sogenannte "Untere Brunnen" war gefunden.

Aus heutiger Sicht ist kaum zu glauben, was dann geschah. Die schlechten Voraussetzungen für eine Salzprodukion auf der Wimpfener Neckarseite wurden zwar gesehen, aber vom Magistrat einfach von Tisch gewischt, ohne dass irgendein weiterer Experte hinzugezogen wurde:

Ruck zuck hatten sie für alles eine Lösung. Die erste Saline wurde oben auf dem Berg gebaut (Bergsaline), ungefähr da, wo heute der Sportplatz und das Kurwäldchen liegen. Dorthin wurde vom Neckartal her ein 240m langer waagerechter Stollen in den Berg getrieben, der mit einem 60m hohen Schacht nach oben zur Erdoberfläche abschloss. Die Pumptechnik, noch weitgehend Holzkonstruktion, war enorm kompliziert, verlustbehaftet, fehlerträchtig und wartungsintensiv. Der Bau dauerte sehr lange, bis in die 70er Jahre hinein. Zwischendurch musste man sich mit allerlei Notlösungen behelfen, z.B. mit von Pferden angetriebenen Göpelwerken.

Das Wasser für den Antrieb wurde mühsam aus den im wesentlichen zwei vorhandenen Bächen zusammengekratzt. Am Fleckinger Bach, der durch das Tälchen beim Freibad herunterkommt, wurden mehrere Mühlen enteignet oder verlegt. Vom Morschbach auf der anderen Seite der Stadt - dessen Tal wird heute von dem Eisenbahnviadukt überspannt - wurde ein Teil des Wasser abgezweigt und über einen langen Kanal am Hang unterhalb der Stadt entlang zur Talstation der Wasserkunst geleitet. Den gleichen Weg nahm auch ein Teil des Wassers vom Stadtbach. Neben den aufgekauften und stillgelegten Mühlen mussten die Wasserrechte zahlreicher Bürger und Gewerbe gekündigt und finanziell abgelöst werden. Größtes Problem aber blieb, dass die Bäche naturgemäß ausgerechnet im Sommer, wenn die Bedingungen für das Sieden günstig waren, zu wenig Wasser hatten.

Ohne Eigenkapital mussten die Baumaßnahmen vollständig über Kredite finanziert werden. Als erstes nahm Wimpfen 1761 einen Kredit von 20000 Gulden bei der Stadt Heilbronn auf, wenig später einen weiteren über 12000 Gulden von einem Privatmann. Als Sicherheit diente der zwischen Siegelsbach und Neckarbischofheim liegende, schon seit der Stauferzeit zu Wimpfen gehörende Stadtwald. Obwohl die Pumpanlagen noch lange nicht fertig waren, kam 1763 ein weiterer Privatkredit hinzu, der gleich für Erweiterungsbauten der Saline benutzt wurde. Dabei waren die ursprünglichen Anlagen schon für die mögliche Produktion überdimensioniert. Die Chronisten sprechen unverblümt von Planlosigkeit und Großmannsucht der Wimpfener Senatoren. Einwände von Fachleuten wollte man nicht hören.

Capsella bursa-pastoris - Hirtentäschel
Capsella bursa-pastoris

Und ja, Salz wurde auch produziert. Am Anfang waren es wohl um die 500 Zentner im Jahr, in den besten Jahren auch schon mal über 2000 Zentner. In Offenau brachte man es damals auf etwa 9000 Zentner. Die Saline kämpfte bald mit dem Problem, dass der Salzgehalt der Sole noch weiter zurückging, oft auf 0,75%, weil durch das Abpumpen aus den Bohrlöchern der Grundwasserpegel absank und so statt Salzwasser von unten Süßwasser aus höheren Schichten zum Brunnen strömte. Man begann erneut mit Bohrungen und fand schließlich 1769 auf halber Strecke zwischen dem heutigen Mineralfreibad und der heutigen Neckarbrücke wieder Sole. Dieser sogenannte "Obere Brunnen" lag praktischerweise ganz in der Nähe des Eingangs zum Förderstollen. Anfangs hatte das Wasser hier einen Salzgehalt von 2%, doch auch hier ging er nach Förderbeginn bald stark zurück.

Die gewonnenen Salzmengen scheinen durchaus unterschiedlich gewesen zu sein, da einerseits davon berichtet wird, dass der Salzpreis gesenkt wurde, um den Absatz zu fördern, zu anderen Zeiten aber skurrilerweise heimlich bei Nacht in Offenau Salz gekauft werden musste, um es in Wimpfen als eigenes anzubieten. Nach Abzug der Personalkosten und der hohen Instandhaltungskosten blieb jedenfalls meistens nichts übrig. Im Gegenteil, das Schulden-Machen ging Jahr für Jahr weiter. 1774 hatten sie eine Höhe von 120000 Gulden erreicht. Die Stadt stand vor dem Bankrott. Alle Versuche, die Finanzmisere zu beenden oder die Saline loszuwerden, waren gescheitert.

Hier trat jetzt die auf der vorigen Seite schon erwähnte kaiserliche Kommission auf den Plan, die tief in die Angelegenheiten der Stadt eingriff und das Ruder bis zum Jahr 1795 mehr oder weniger in der Hand behielt. Sie identifizierte die Saline als Hauptursache der städtischen Schulden, glaubte aber wohl, dass durch ein ganzes Maßnahmenbündel ein wirtschaftlicher Betrieb erreicht werden könnte. Aufgrund der schlechten natürlichen Rahmenbedingungen, der mangelhaften Qualifikation des Personals und des unausrottbaren Schlendrians trat jedoch keine grundlegende Verbesserung der Salinensituation ein. Nach ein paar Jahren mit einem moderaten Gewinn wurde ab 1780 wieder Verlust gemacht. Die Salzproduktion ging kontinuierlich zurück.

Die Kommission ging davon aus, dass die Saline besser geführt würde, wenn sie in privater Hand wäre. So wurden 1787 sechs Bürger quasi dazu überredet, die Saline von der Stadt zu pachten. Sie werden es bitter bereut haben. Nach ständigen Verlusten und Rückschlägen, auch durch Naturgewalten, gelang es ihnen 1796, vorzeitig aus dem Pachtvertrag auszuscheiden. Die Gradierwerke und Siedehäuser waren nicht mehr wirtschaftlich instandzusetzen und wurden abgerissen.

Der Salinenbetrieb wurde jetzt an Auswärtige verpachtet, nämlich an ein finanzkräftiges Konsortium unter Leitung des Rentmeisters Mössing aus Bruchsal. Dem immer noch reichsstädtische Scheuklappen tragenden Wimpfener Magistrat wird es nicht leicht gefallen sein. Die zweite Saline (Talsaline) wurde im Neckartal am Erbach gebaut, an der Stelle, an der heute das Mineralfreibad liegt, also ganz in der Nähe es Unteren Brunnens. Die Einrichtungen waren nur halb so groß, wie die überdimensionierten der ersten Saline. Der Obere Brunnen am Eingang des nicht mehr benötigten Stollens wurde stillgelegt. Die außerordentlich aufwändige Fördertechnik entfiel. Man versuchte, in der Nähe bessere Salzbrunnen zu erbohren, hatte aber keinen Erfolg. Am "besten" war immer noch der alte Untere Brunnen. Heute weiß man, dass beide Brunnen an Stellen lagen, an denen in der Tiefe schon kein Salzstock mehr vorhanden ist. Die Bohrungen gingen auch nie auf dessen Niveau hinunter, sondern blieben im Muschelkalk stecken. Die Familie Mössing, nach Tod des Vaters der Sohn, wird nur geringe Gewinne mit der Saline gemacht haben, wenn überhaupt. 1818 stieg der Pächter aus dem Vertrag aus und der Betrieb der zweiten Saline wurde ebenfalls eingestellt. "Fünfundsechzig Jahre hatte die Gier nach Salz wie ein Fluch auf der kleinen Stadt gelastet. Nirgends wohl ist jemals so kostspieliges Salz genossen worden wie in der Neckarstadt Wimpfen." schreibt die Chronik von 1952. In Offenau übrigens waren ähnliche Probleme wie in Wimpfen aufgetreten. Auch dort kämpfte man mit zu geringer Salzkonzentration in der Sole.

1816 kündigte sich die Wende an. In diesem Jahr gelang es in Jagstfeld erstmals, mit einer Bohrung bis in das massive Steinsalz vorzudringen. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile, denn das ins Bohrloch fließende natürliche Grundwasser sättigte sich im Salzstock vollständig mit Salz. Der ganze Aufwand der Eindickung der Sole durch Gradierwerke konnte entfallen. Schon 1817 wurde einer Gesellschaft, die in Niedernhall die Saline betrieb, die Konzession erteilt, auch auf Wimpfener Stadtgebiet nach Salz zu bohren. Die Situation Wimpfens als hessiche Enklave stellt sich hier als ein glücklicher Umstand dar, denn in den benachbarten Ländern Württemberg und Baden gab es bereits Salzmonopole, weswegen dort neue Unternehmen keine Chance hatten. Der erfahrene Salzfachmann Carl Christian Friedrich Glenck wertete die Ergebnisse bisheriger Bohrungen aus und entschied sich dafür, westlich der Stadt am Ausgang des Morschbachs zu bohren, beim heutigen Eisenbahnviadukt. Er hatte das Glück des Tüchtigen. Schon ein Jahr nach Erteilung der Bohrgenehmigung konnte dem hessischen Großherzog in Darmstadt, seit 1803 Wimpfener Landesherr, berichtet werden, dass man in 137m Tiefe massives Steinsalz angebohrt hatte. Nach diesem Landesherren erhielt die neue Saline den Namen Ludwigshalle.

Betula pendula - Birke
Betula pendula

Jetzt ging es Schlag auf Schlag. 1819 begann man mit dem Sieden, 1820 hatte man bereits sieben Bohrlöcher ins Salz gebracht. Da das Salz etwas mit Fremdstoffen verunreinigt war, vor allem Eisen, baute man doch wieder ein kleines Gradierwerk, weil sich in dem Schwarzddorngezweig die unerwünschten Bestandteile abschieden. Weil die Platzverhältnisse im Morschbachtal (Innere Saline) zu beengt waren, wurden einige hundert Meter entfernt unterhalb des Altenbergs noch mehrere weiter Siedehäuser gebaut (Äußere Saline). Für die Soleleitung wurde ein Verbindungsschacht zwischen den beiden Werksteilen durch den Berg getrieben. Schon 1818 hatte man die Talsaline am Fleckinger Bach gegen den Widerstand des Pächters Mössing von der Stadt für 20000 Gulden gekauft und noch brauchbare Einrichtungen für die neue Saline verwendet. Hauptsächlich ging es den neuen Besitzern aber wohl um die Nutzungsrechte der Bachgewässer für Antriebszwecke. Die Stadt war so umsichtig, sich im Kaufvertrag einen dauerhaft niedrigen Salzpreis für Wimpfener Bürger garantieren zu lassen, und der Saline zu untersagen, ihren Brennholzbedarf in den Wimpfener Wäldern zu decken. 1821 wurde die Saline Ludwigshalle in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Vor den Mauern von Wimpfen war endgültig die neue Zeit angebrochen.

Man stand jetzt vor einer völlig veränderten Situation: Salz konnte man prinzipiell beliebig viel produzieren. Begrenzender Faktor war es jetzt, das Salz auch abzusetzen, denn die Konkurrenz schlief nicht. Die Vorreitersaline Friedrichshall in Jagstfeld konnte große Mengen von Salz herstellen. In der alten Saline Clemenshall in Offenau gab man keine Ruhe, bis man am Neckar gegenüber der neuen Wimpfener Saline auch den Salzstock angebohrt hatte. Auf badischem Gebiet gelang es in Rappenau, ebenfals das Steinsalz anzubohren. Jede diese Salinen konnte bei Bedarf weit über 100000 Zentner Siedesalz im Jahr herstellen. Jeder versuchte, sich durch Verträge feste Monopol-Absatzgebiete zu erschließen. Da in Wimpfen das Salz am billigsten war, kam es zu einem heftigen Salzschmuggel in die badischen und württembergischen Gebiete . Militär wurde eingesetzt, Schmuggler gar erschossen, Salzschiffe gekapert, Prozesse geführt und so weiter.

Da man einsah, dass es so nicht weitergehen konnte, fand man 1828 ein vertragliche Regelung und schloss sich im Verein der Neckarsalinen zusammen, dem ersten Industriekartell in Deutschland. Der Verein bestand bis zum Jahr 1927. Aus den jämmerlichen ersten Versuchen der reichsstädtischen Salzsieder war eine privatwirtschaftliche Erfolgsgeschichte geworden. Die Stadt musste zusehen, wie der größte Teil des Ertrages an auswärtige Aktionäre floss. Da Salz im Überfluss vorhanden war, begann die Ludwigshalle AG schon bald, sich auch an weiterverarbeitenden Industriebetrieben zu beteiligen. So wurde die lange und kontinuierliche Entwicklung zu einer modernen chemischen Fabik eingeleitet. Heute steht am Ort der alten Äußeren Saline das Werk der Solvay Fluor GmbH. Hinter dem Viadukt wird aus einem Bohrloch immer noch eine geringe Menge Sole für den Eigenbedarf des Werkes gewonnen. Die Salzproduktion wurde jedoch 1967 eingestellt.